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Die Antwort auf Fragen, die mit „Bin ich eigentlich die einzige Person …“ anfangen, ist grundsätzlich „Nein“.

Ugols Law

Erfahrungsbericht: Schwierige Coming Out Erfahrung - Es ist so viel mehr als "Bettgeschichten"

Ich hatte vor ein paar Monaten bei einer mir nahestehenden Person mein kinky Coming Out. Das sah so aus, dass ich erwähnt habe, dass ich zu einem SMJG-Treff gehe (und die Links zu der SMJG-Homepage mitgeschickt habe). Die Person hat leider nicht so cool reagiert und gesagt, dass sie nichts "davon" hören möchte. Obwohl ich schon viele richtig schöne Coming Outs hatte, hat mich das ziemlich mitgenommen. Hier sind ein paar Gedanken aus den Tagen direkt danach, die von der Verletzung und dem Frust erzählen. Vielleicht hilft das anderen Menschen zu verstehen, warum ein Coming Out für kinky Menschen wichtig sein kann.


Ich setze wohl gerade die erste unschöne Coming Out-Erfahrung auf meine Liste der Erfahrungen.
Das ist doof und tut weh. 
Und doch ich bereue das Coming Out nicht – ich würde es wieder tun. Es ist so rum besser als vorher. (Ja, hier spielen Privilegien eine Rolle, dass ich von dieser Person recht wenig abhängig bin.) Es ist nicht mehr: „Ich hab keine Lust zu telefonieren, weil ich keine Lust habe, immer nur von dem langweiligsten Drittel, von dem, was in meinem Leben passiert, zu erzählen.“ Nein, wir werden in Zukunft nochmal erheblich weniger Kontakt haben, weil du sehr deutlich gemacht hast, dass du von meinen Erfahrungen mit Kink und BDSM nichts hören möchtest. Was du vielleicht gerade noch erfolgreich verdrängst: Wenn du sagst, du möchtest „davon“ gerade nichts hören, dann ist das nicht nur das, was ich abends im Bett mache. Es ist absolut OK, wenn du davon keine Detailbeschreibungen hören möchtest. Es ist dein gutes Recht, Grenzen zu setzten. Das ist richtig und wichtig. 

Aber „es“ ist eben deutlich mehr als "Bettgeschichten":

„Es“ nimmt deutlich mehr Raum in meinem Leben ein. Ich verbringe einfach inzwischen echt viel Zeit auf Stammtischen, auf Fesseltreffs, in Workshops, in Zügen auf dem Weg dahin. 
„Es“ sind Menschen, die ich dort kennenlerne, die langsam immer mehr zu Freund*innen werden. 
„Es“ ist inzwischen auch ein Ehrenamt, als Orga, und eine Vereinsmitgliedschaft.

„Es“ ist Kommunikation-Üben, Sprachfähig-Werden.
„Es“ ist Lernen und Hinterfragen von Konsens.
„Es“ ist ganz viel Denken zu der Gestaltung von sozialen Räumen, hier am Beispiel der Kink-Szene.
„Es“ ist so viel Kontakt mit den Themen und der Sichtbarkeit von LGBTQIA+ Menschen, wie noch nie in meinem Leben - ich bin sehr dankbar, da so viel lernen zu dürfen.
„Es“ ist auch immer wieder ein Ringen und Hinterfragen meiner eigenen Rolle mit vielen Privilegien und internalisierten Diskriminierungsmustern. Das ist manchmal sehr anstrengend, aber das kann so wertvoll, so wichtig für meinen zukünftigen Beruf werden. Denn es kann einen deutlichen Unterschied für Menschen machen, wenn ich da wenigstens ein bisschen was begriffen habe.

„Es“ ist Auseinandersetzung mit dem in mir, was ich über Jahre hinweg nicht anders zu bewerten wusste, als zu verurteilen, was ich tief verdrängt habe.
„Es“ ist Auseinanderesetzung mit Selbststigmatisierung.
„Es“ ist der Umgang mit der Ahnung, dass ich auch Gefahr der Stigmatisierung durch Andere laufe, wenn ich mich zeige, wie ich bin.
„Es“ sind die ersten Erfahrungen mit identitätsbezogenen-Verletzungen, nein identitätsbezogene Anfeindungen, aber ich will dieses Wort für mich in Anspruch nehmen.

„Es“ ist Entdecken und Annehmen (eines wichtigen Teils) meiner Identität.

Und du fragst dich, warum ich in den letzten Monaten so wenig Persönliches von mir erzählt habe und jetzt ausgerechnet „das“ mit dir teilen möchte?!


Nun einige Monate später denke ich immer noch: Ich bin froh, das Coming Out gemacht zu haben. Ich fühle mich in der Beziehung klarer und stärker. Das hat mich in manchen Situationen freier gemacht. Die Verletzung ist noch da. Manchmal tut es immer noch weh. Wir haben deutlich weniger Kontakt, aber vielleicht verbessert sich das ja in Zukunft nochmal...


Dieser Erfahrungsbericht wurde von einem unserer Orgas (25 Jahre alt) im Sommer 2026 verfasst